Glasklar

Wären wir nicht gerne alle etwas geheimnisvoll, undurchschaubar? Die unergründliche Femme fatale? Ich schließe mich da selbst nicht aus!
„Bei dir weiß man nie, woran man gerade ist.“, sagt Tim im Sommer als wir uns gerade zu dritt leicht angetrunken unsere Charaktereigenschaften deuten. Im Geiste sehe ich mich schon in einem schwarz-weiß Film auf Mörder-Highheels durch die Gegend stöckeln. Verruchter Blick unter megalangen Wimpern, einen dieser Zigarettenhalter in der Hand.
„Wie ein Geysir, man weiß nie wann er ausbricht.“, fährt Tim fort und meine Vision meiner selbst beginnt zu bröckeln. Dampfende Löcher, die in unregelmäßigen Abständen heißes Wasser spucken wecken dann doch keine Femme fatale Assoziationen bei mir. Klingt eher so nach psychisch labilem Zickenterror.

Die erotisch-geheimnisvolle Aura habe ich mir seit diesem Abend schon abgeschminkt. Die Hoffnung etwas Undurchschaubarkeit inne zu haben bröselt erst in letzter Zeit vor sich hin. Dafür aber in etwa so bröselig wie ein ausgewachsener Erdrutsch.

Letztens schiebt Tim mir die Kekstüte rüber, ich greife rein und nuschle mit vollem Mund „Das wirkt jetzt so verfressen.“. Tim spart sich ein charmantes „Du kannst es dir doch leisten“ und sagt stattdessen „Dass du verfressen bist, wusste ich doch schon mindestens in der 2. Woche, in der ich dich kannte.“, während er die Kekstüte noch ein Stück näher schiebt.
Einige Tage später kommen Doro und ich in unseren Mails auf das Thema „geheimnisvoll“. „Tim meint er wüsste schon ganz lange, dass ich verfressen sei“, schreibe ich.
„Sollte das etwa ein Geheimnis sein?“ , schreibt Doro zurück. Vielen Dank auch!

Am Sonntag dann ein spontaner Weihnachtsmarktbesuch mit 2 Freunden. Ich mache meinen Mann auf besonders süße Hunde aufmerksam. „Du kriegst keinen Hund…“, knurrt er, wie so oft in letzter Zeit.
„Aber…“, will ich schmollend beginnen, doch meine Freundin mischt sich ein. „Steffi, das wäre voll spießig sich jetzt einen Hund zu kaufen.“. Damn! Sie weiß ganz genau, wie sie mich kriegt! Alles, bloß nicht spießig….

Wieder Zuhause atme ich einige Stücke Schokolade weg und mache mir Gedanken zu meiner Undurchschaubarkeit.
Früher, wenn wir als Kind vorm Fernseher standen, sagten meine Eltern immer „War dein Vater Glaser?“. Was so viel bedeuten sollte, wie „Wir sehen nichts!“.
Jetzt im Nachhinein hätte ich ruhig bejahen können, ich bin völlig durchschaubar.

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