Ich glaub‘ ich bin im falschen Film

Man kennt ja diese Filme: Der unpopuläre, unscheinbare Protagonist der Geschichte mutiert zum Helden. Auf seinem Weg prophezeien ihm/ihr wahlweise alte Frauen, weise Zauberer, blinde Seher oder sonstige Autorität und Wissen ausstrahlende Personen er oder sie sei der Auserwählte, der Avatar, der Messias oder etwas anderes. Ganz nach Belieben.
Seit einiger Zeit habe ich das Gefühl ich wäre in einem eben solchen Film gefangen –  die Truman Show lässt grüßen.
Es fing schon vor eine gefühlten Ewigkeit an. Damals war M.s Cousine noch nicht ganz 3 Jahre alt und ich machte ihre Bekanntschaft. Irgendwie hat sie direkt einen Narren an mir gefressen und ich werde seitdem als Spielgefährte, Klettergerüst und Geheimnismitwissende genutzt wann immer sie zu Besuch ist.
M. erklärte dies mit den Worten „Du bist halt eine ruhige Person und meinst es immer mit allen gut, Kinder merken sowas.“.
Mag sein, kann ich mit leben. Neuerdings häufen sich aber die Personengruppen, die merken, dass ich angeblich irgendwie bin.
So auch Frau R.. Frau R. ist die „Kräuterhexe“ meiner Schwiegermutter in Spe. Sie pilgert schonmal quer durch die Pampa um ein Schmuckstück segnen zu lassen und versorgt ihr Umfeld mit russischem Kaviar, der vom LKW gefallen ist.
Als wir uns letztens trafen erzählte sie mir, dass sie mich ja schon immer gern gehabt hätte. Und ich wäre ein guter Mensch, das würde sie spüren.
Naja gut, ich kenne Frau R. jetzt schon eine ganze Weile und wundere mich da eigentlich über gar nichts mehr. Ich hätte das so hingenommen und nicht weiter beachtet, wenn sich die Serie nicht letzten Freitag fortgesetzt hätte.
Ich arbeite  einem Seniorenheim (als Hintergrund-Info: Nicht in der Pflege! Ich bin für die PCs und Telefone verantwortlich und die Bewohner kennen mich eigentlich nur vom Sehen.) und am Freitag streckte mir eine unserer recht dementen Bewohnerinnen verzweifelt die Hand entgegen. Ich gab ihr also meine Hand und wir standen eine Weile händchenhaltend da, die Bewohnerin war zufrieden.
Abends waren M. und ich mit seinen Eltern essen. Seine Mutter ist meine Chefin und so erzählte ich beiläufig von der Begebenheit. Wir redeten auch über eine andere demente Bewohnerin, die sich immer freut, wenn wir uns begegnen und mich auch manchmal im Büro besuchen kommt um ein Pläuschchen zu halten.
M.s Mutter sagte „Die alten Leute spüren halt, dass du ein guter Mensch bist“.
(Jetzt wo ich das alles so niederschreibe, fällt mir auch wieder ein weiterer dementer Bewohner ein, der immer vergisst wo sein Zimmer ist. Da kann man ihn dann zu Hochzeiten  5 – 6 Mal am Tag hinbegleiten. Der Bewohner ist immer sehr höflich und bedankt sich. Einmal sagte er zu mir „Vielen Dank. Gut, dass es noch Menschen wie Sie gibt.“. Ich erwiderte dass das doch alles ganz selbstverständlich wäre. Doch er sagte ganz aufgebracht „Was wissen Sie schon über die Menschen! Die Welt ist voller Schäbigkeit! Danke, dass SIE mir geholfen haben!“.)
Langsam kam mir das schon alles recht verdächtig vor und heute wurde dem Ganzen dann endgültig die Krone aufgesetzt. Eine Kollegin hat sich einen Hund zugelegt, der ist erst ein paar Wochen alt und kommt immer mit ins Büro.
Heute kam er immer auf mich zugestürmt, sobald ich einen Fuß in den Raum gesetzt habe und musste schmusen. Was sagt ein Kollege? „Der hat dich aber gern! Hunde merken halt, wie Menschen sind.“.

Muss ich jetzt demnächst die Welt retten? Oder reicht es, wenn ich das nächste Mal beim Sims spielen meinem Alter Ego das Charaktermerkmal „gut“ gebe?

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