Braunbär

Fingerübung

Ich steh auf, leg mich gleich wieder hin
Es ist zu heiß um es wirklich geil zu finden
Ein Schritt reicht, gleich tropft Schweiß vom Kinn

Die Sonne scheint.
Das hast du sicher auch schon mitbekommen, aber ich sage es dir halt noch einmal. Dann kannst du auch ganz sicher sein. Die Sonne scheint. Und es ist warm.
Ich stehe der Sache ambivalent gegenüber. An sich ist gegen Sonnenschein per se nichts auszusetzen. Die Blümelein finden’s ganz dufte und das Grünzeug betreibt ordentlich Photosynthese. Ich bin ein Freund von Sauerstoff – wenn nicht gar Fan. Ich habe also eigentlich kein Problem damit.
Aber irgendwie fühlt es sich nicht ganz richtig an. So wie der wahnsinnig schöne BH von dem der Freund so einen wonnigen Glanz in den Augen bekommt, der aber einfach irgendwie links mittig zwickt. Nicht so richtig schmerzhaft, aber doch nicht ganz optimal. Den BH lässt man dann in der Schublade etwas altehrwürdigen Staub ansetzen und der Freund findet das olle Baumwollmodell sicher auch ganz töfte. Sex hat man schließlich aus Liebe, da sind Oberflächlichkeiten Nebensache.
Nun kann man die Sonne aber nicht einfach in die Schublade stecken. Wenn es ginge, dann würde ich das tun.

Ich hab Fieber, lieg auf’m Rücken
Ich brauch Waffen für ’n Krieg gegen Mücken
Ich halluzinier’, hab trockene Lippen
Und träum’ von Schneeflocken und Skihütten

Jetzt folgt wieder der Aufschrei der Gut-Wetter-Fanatiker von wegen ich hätte bloß schlechte Laune. Nein. Habe ich nicht. Ich habe ganz lange, ganz tief in mich gehorcht. In letzter Zeit habe ich eigentlich sehr wenig schlechte Laune. Manchmal so ‘nen paar emanzipierte Anfälle, aber an sich nichts ernstes. Mir ging es trotz Schietwetter in den vergangenen Wochen regelrecht fabelhaft.
Vielleicht ist das auch das Problem, quasi das Zwicken links in der Mitte. Wenn die Sonne scheint, wird dem Ottonormal-Sonnen-Verbraucher vor allem eines abverlangt: gute Laune! Sofort. Die Radiosender packen die Reggae-Rhythmen aus, die Teenager-Girls werfen sich ins kürzeste Röckchen, das sie finden können und der Rest der Welt hat sich zu freuen.
Soweit, so gut. Meine Laune war aber schon bei 12 Grad und Dauernieselregen soweit Richtung euphorisch vorgerückt, dass mir die Sache schwer steigerungsfähig scheint. Außer ich entschließe mich dazu die sommerlichen Tage mit debilem Grinsen zu verbringen.
Nicht dass debil keine für mich geeignete Stilrichtung wäre – ganz und gar nicht. Aber ich habe das Gefühl, das wäre einfach etwas too much, etwas zu dick aufgetragen. Ein bisschen wie Stilettos bei einer Trauerfeier.

Meine Fresse glänzt, bin durchnässt
Kämpf mich zum Kühlschrank, hol ’n freshes Hemd

Da ich die Launensteigerung also nicht mitmache, bleiben gar nicht mal so viele Vorteile der Sonnensache übrig.
Braun werde ich nicht. Höchstens rot. Und rot tut weh. Und wenn wir ganz ehrlich sind, sieht es auch scheiße aus. Da könnte nicht mal der verstaubte Zwick-BH etwas dran ändern.
Grillfeiern werden in meinem Freundeskreis nicht gefeiert. Auf unserem Mini-Balkon hat es auch keinen Zweck. Die Schwiegereltern laden immer die halbe Nachbarschaft ein – dann ist es aus mit chillig. Meine Eltern grillen zwar draußen, essen aber in der Küche. Nein, da stimmt das Feeling einfach nicht.
Schwitzen finde ich nicht schön. Die konstante Nebelfeuchte lässt mich fühlen, wie eine Seekuh, die gerade an Land gerobbt ist. Wozu auch immer. Denn bei dem Wetter wird sie sich ganz sicher nicht paaren. Falls Seekühe das nicht ohnehin im Wasser tun.
Offene Schuhe. Offene Schuhe….. Was soll ich sagen? Ich möchte mich den Füßen meiner Mitmenschen einfach nicht so unbefangen nähern. Und dass das ständige “Flapp-flapp-flapp-flapp” der Flipflop-Träger zerreißt Nervenbahnen in mir, von denen ich nicht mal wusste, dass sie existieren.
Freibäder. Wir hatten das nette Seekuh-Bild ja schon. Und überall nackte Füße…. Dazu der Geruch nach Chlor und altem Pommesfett. Nein danke.

Meine Stadt hat Fieber, sie tropft und klebt!
Wir haben schwere Glieder, der Kopf tut weh!
Wir sind wie ’n alter Hund der grad noch steht
Wir ham’s verzockt, verbockt, der Doktor kommt zu spät!

Also mach, was du willst da draußen in der Sonne. Ich spiele nicht mit.
Und spätestens, wenn Gewitterluft herrscht und alle ob der Schwüle herumstöhnen, dann stell dir meinen weise erhobenen Zeigefinger vor und wie ich mit einer enervierenden Stimme, ähnlich dem Schlappen eines gut mit ollem Chlorwasser durchfeuchteten Freibad-Flipflops, deklariere: “Ich habe es dir ja gesagt.”

Peter Fox | Fieber

In der Stille liegt der größte Lärm verborgen

Irgendwie war es hier in letzter Zeit wieder still. Dabei will ich ja schreiben. Ich mag meinen Blog. Ich mag, wie er momentan aussieht. Ich mag es Wörter aneinander zu reihen, bis sie einen Text ergeben. Ich mag das kleine Bild von mir in der Sidebar. Ich mag das süße Favicon. Und ich mag es viel Liebe und Herzblut in ein Projekt zu stecken.
Was ich aber nicht mag: Immer wieder das selbe schreiben. Ich mag nicht ständig nur jammern, dass ich alt werde und herumwettern über die Ungerechtigkeiten und vor allem anscheinenden Selbstverständlichkeiten, die Frauen in einem gewissen Alter erfahren.
Ich weiß, dass das langweilig zu lesen ist. Mein Mann verdreht schon jedes Mal die Augen und seufzt ganz lang und tief, wenn ich wieder damit anfange. Er weiß, dass ich mich dann richtig ausdauernd und anstrengend für meine Umwelt darüber aufregen kann, dass die Gesellschaft es als normal erachtet eine Art Vormundschaft über anderer Frauen Körper zu erheben. Und dass ich es nunmal NICHT als gut gemeint wahrnehme, wenn ich von Leuten – die eigentlich nicht mehr von mir wissen, als meinen Vor- und Nachnamen – darauf angesprochen werde, dass meine Schwiegereltern doch noch ein kleines Enkeltöchterchen brauchen würden. Mit diesem “Knick-knack, du weißt schon wie ich’s meine” Unterton.
Seit meine Schwiegermutter unsere  Hauskaufpläne mit einem “Ihr wollt euch ein Haus kaufen? Aber ihr habt doch noch gar keine Platznot” abtat, hege ich einen tiefen Groll, der in mir rumort und immer mal wieder wie eine Flutwelle über mich herüber schwappt. Aber ich mag meine Schwiegermutter nicht anschreien. Es steht mir nicht zu. Und sie kann ja auch nichts dafür, dass die ganze Welt mich mit diesem einem Thema nervt.
Ich mag auch nicht in der Anwesenheit von Freunden lange Abhandlungen darüber halten, dass der Mythos der guten, bedingungslos liebenden Mutter eben genau das ist – ein glorifizierter und instrumentalisierter Mythos.
Ich mag nicht FemiNazi genannt werden, wenn ich meine Gedanken zu solchen Themen äußere und erst recht mag ich es nicht, wenn ich dann auch noch gefragt werde, ob ich gerade meine Tage hätte. Gar nicht mag ich es außerdem, wenn behauptet wird meine Gegenfrage nach dem letzten Samenerguss wäre überhaupt nicht vergleichbar.

Und weil ich all das nicht mag, mache ich die meiste Zeit folgendes: Ich sage nichts.