DSC00149_2

Falscher Umgang?

Mit 19 ist man noch nicht so gefestigt. Oder besser: Mit 19 war ich noch nicht so gefestigt. Mit einem Fuß noch in der Pubertät und ungeachtet dessen steht man plötzlich mitten im Leben. Vor einem die große Unbekannte: Zukunft. Wo wird es mich hin verschlagen? Was werde ich dort tun? Alles ungewiss und irgendwie auch alles möglich, machbar. Die Welt steht mir offen, also los, was kostet die Welt?! Dachte auch ich mir. Und wählte mir zielgerichtet einen der fragwürdigsten Orte, um mich dem Erwachsen-Werden zu stellen: die technische Fakultät der Universität. Zum Informatik studieren.
So stand ich also da. Inmitten all der Jungs. Mit meinen zwei verschieden farbigen Schuhen. Und den Totenkopfohrringen. Zarte 19. Beeinflussbar. Ungefestigt. Naiv.

So ungefähr, falls du dir ein Bild davon machen möchtest:

Jaaa, das Bild ist ein bisschen geschummelt. Das ist von etwas später, da hatte ich - wie man sieht - meine schwarz, grau, rote Totenkopfphase schon hinter mir gelassen.

Jaaa, das Bild ist ein bisschen geschummelt. Das ist von etwas später, da hatte ich – wie man sieht – meine schwarz, grau, rote Totenkopfphase schon hinter mir gelassen.

Worauf ich hinaus will?
Ich glaube – so im Nachhinein – dass mir das gar nicht so gut bekommen ist. Vier lange, prägende Jahre lang fast allein unter Männern. Das ist irgendwie nicht gut gegangen.
Denn auch wenn der pinke Pullover da oben auf dem Foto verzweifelt zu schreien scheint “Hey! Hallo! Ich bin ein MÄDCHEN! Ich trage pink!”, innen drin bin ich jetzt ganz schön Mann.
Zumindest mehr Mann, als die Frauen, die ich sonst so kenne. Oder sie können es besser verstecken.

Von einem Vorfall mit Mett (man könnte es ein “Intermettzo” nennen, harhar) habe ich bereits ein mal berichtet.
Wenn Jungs sich unterhalten, dann kann ich sie verstehen! Selbst die Nerds!
Kein schweinischer Spruch ist mir zu schweinisch und erst recht nicht zu platt. Die Welt ist meine Bühne. Und ich bin ihr Ingo Appelt.
Ich kann fluchen wie ein Kesselflicker. Ohne rot zu werden.
Letztens zog sich ein Freund vor mir um! Einfach so! Dann tranken wir gemeinsam ein Bier. Er rülpste. Einfach so! Und ich spreche hier von einem echt schüchternden Freund. Es hat 3 lange Jahre gedauert, bis er überhaupt mal ein Wort mit mir wechselte. Dann bemerkte er wohl irgendwann den Mann in mir drin…
Es hat nun bis zu meinem 28. Lebensjahr gedauert, bis ich immerhin 5 Minuten unfallfrei auf “hohen Schuhen” (die Tussis dieser Welt würden mich auslachen!) stehen kann.
Letztens entdeckte ich Spotify für mich und blieb ausgerechnet an der Playlist “International Playboy” hängen. Playboy! Hallo?!
Es bedurfte einer 10 minütigen Überzeugungsarbeit, um meiner Frisörin glaubhaft zu versichern, dass ich tatsächlich ab und an Lippenstift tragen würde.
Egal wie sehr ich mich bemühe, ich schaffe es einfach nicht ein komplettes “Outfit” zusammen zu stellen. Also so, dass ich zurechtgemacht aussehe. Gegen meine Freundinnen stinke ich daher gefühlt immer ganz schön ab, wenn wir uns treffen.

Das wäre doch alles nie passiert ohne diesen schändlichen Einfluss, oder? Oder?!


 

Um meine Studienzeit nicht nur als männlich geprägte Erziehungsanstalt dastehen zu lassen, muss ich nun auch noch einige liebevolle Worte über meine Studienkollegen fallen lassen.

Die komische Hand, das ist Tim. Sag mal "Hallo", Tim!

Die komische Hand, das ist Tim. Sag mal “Hallo”, Tim!

Eigentlich war es nämlich so, dass ich von einer Gruppe echt dufter Typen “adoptiert” wurde. Mir wurde öfter ein Kaffee ausgegeben, als einer lasziven Femme Fatal Drinks an der Hotelbar.
Wenn ich mies drauf war, dann haben sie sich jeder einzelne ohne Hemmungen so lange zum Affen gemacht, bis ich wieder lachen konnte.
Und manchmal, ganz selten, habe ich auch schönes und erst gemeintes Kompliment zu hören bekommen.

Dagegen gab es natürlich auch die Typen, gegen die ich mich echt zur Wehr setzen musste. Weil manche Männer nicht glauben können oder wollen, dass auch Frauen Informatik studieren. Und eventuell sogar verstehen und anwenden können, was sie da lernen.
Und vielleicht sind sogar diese Typen, die wahren Schuldigen. Denn vielleicht ist der Mann in mir, ja bloß meine starke Persönlichkeit, die sich gegen diese Dummköpfe durchsetzen musste.

Hausordnung, die sich irgendwie immer noch nicht durchgesetzt hat

1.) Vor meinem ersten Kaffee werden keine Geräusche gemacht! Keine!!!
2.) Vor meinem ersten Kaffee werde ich nicht angesprochen. Allerhöchstens in Babysprache kombiniert mit ausgiebigem Bauchkraulen.
3.) Fragen und Bitten werden frühestens gegen Mittag an mich gerichtet.
4.) Vor meinem ersten Kaffee wird sich weder in meinem Blickfeld noch in Bereichen,  die aus den Augenwinkeln wahrnehmbar sind, bewegt. Und schon gar nicht hastig!

Nein, ich bin nicht morgenmuffelig!!! Und wehe du quatscht mich jetzt noch blöd von der Seite an!

gez. Steffi (live aus dem Orbit)